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Weissrussland

Jüdische Bevölkerung

Die jüdische Gemeinschaft von Weissrussland ist nach Russland und der Ukraine die drittgrösste im postsowjetischen Raum. Die «Union of Belarusian Jewish Public Associations and Communities» UBJOC schätzt die Anzahl der jüdischen Haushalte auf 45’000.

 

In der letzten staatlichen Volkszählung um die Jahrhundertwende wurden dagegen nur rund 14’000 Juden gezählt. Die meisten Juden wohnen in Minsk, gefolgt von Bobruisk, Mogilev, Gomel und Wizebsk. Es gibt zahlreiche jüdische Religionsstätten, Schulen sowie eine jüdische Volksuniversität. Die Union bezeichnet die jüdische Presse als «lebendig». In Belarus gebe es zwar Fälle von Antisemitismus, aber weniger als in anderen postsowjetischen Ländern. Seit 1989 seien etwa 57'000 Juden nach Israel ausgewandert.

 

Bis zum Zweiten Weltkrieg war Osteuropa der wichtigste jüdische Kulturraum. In Belarus lebten 1897 fast eine Million Juden, was rund 14% der Bevölkerung entsprach. 100 Jahre später waren es noch ca. 135’400 Juden (1%).

 

Kulturell und sprachlich teilte sich das jüdische Siedlungsgebiet in Osteuropa grob in drei Regionen: das polnische, das galizische und das litauisch-weissrussische Judentum. Charakteristisch für das Judentum in Belarus und Litauen war das nordöstliche Jiddisch. Von Wilna aus, dem Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit, verbreitete sich auch in Belarus die jüdische Aufklärungsbewegung Haskala rasant und weit. Belarussische Juden spielten für die jüdisch-sozialistische wie auch für die zionistische Bewegung eine wichtige Rolle.

 

Rechtlich gleichgestellt wurden belarussische Juden im ausgehenden 18. Jahrhundert im russischen Zarenreich unter Katharina der Grossen. Allerdings brachten die Reformen von oben nicht die politisch beabsichtigte «Assimilation». Durch Zwangsumsiedlungen verarmten und emigrierten grosse Teile der jüdischen Bevölkerung. Nach der Ermordung des Zaren Alexander II. 1881 kam es auch in einigen belarussischen Städten zu Pogromen.

 

Im Ersten Weltkrieg wurden die Juden aus dem westlichen Teil des Landes vertrieben, der Kampfzone war. Nach weiteren Pogromen ersetzte bei den Juden bald Hoffnung auf Schutz die anfängliche Skepsis gegenüber den bolschewistischen Revolutionären, die im Februar 1917 das Zarentum gestürzt hatten.

 

In der frühen Belarussischen Sowjetrepublik (BSSR) wurde die jüdische Kultur staatlich gefördert – Jiddisch wurde zu einer Staatssprache – und Juden besetzten hohe Ämter. Doch ab den 1920er-Jahren nahm der Antisemitismus in der BSSR zu. Zunehmend wurden Juden im Sozial- und Steuersystem diskriminiert und zu entrechteten Personen degradiert («Lishenets»). Viele wanderten aus. Unter Stalin wurde die Ausübung von Religion zugunsten der atheistischen Staatsideologie unterdrückt. Synagogen und Jiddisch-Schulen wurden reihenweise geschlossen. Grössere Freiheiten hatten die Juden im polnischen Westbelarus, bis der Zweite Weltkrieg ausbrach und die Rote Armee das Gebiet besetzte. Dem «Grossen Terror» unter Stalin fielen auch in Belarus viele Mitglieder der jüdischen Intelligentsia und als politische «Verräter» Denunzierte zum Opfer.

 

Zur Zeit der Invasion der deutschen Wehrmacht im Sommer 1941 lebten noch ungefähr 690’000 Juden in Belarus. Die erste Massenhinrichtung fand in den ersten Wochen statt. Insgesamt wurden in Belarus über eine halbe Million Juden ermordet und damit praktisch das belarussische Judentum vernichtet. Jene, welche die Ghettos, Vernichtungslager und Deportationen überlebten, hatten in der Armee oder als Partisanen gekämpft, sich bei Partisanen oder der Zivilbevölkerung versteckt oder durch nicht-jüdische Papiere gerettet.

 

Die nicht-jüdische Bevölkerung hat viele Juden vor den Nazis versteckt und gerettet. In Yad Vashem sind 807 belarussische «Gerechte unter den Völkern» registriert – im Verhältnis zur Landesbevölkerung der höchste Anteil unter den europäischen Ländern. In Wirklichkeit ist deren Zahl wahrscheinlich viel höher, da sie territorial gezählt und Teile der damaligen Belarus heute zu Polen gehören.

 

In der Nachkriegszeit konnte Juden in Belarus weiterhin ihre Religion und Kultur nicht frei ausüben. In den 1970er- und 80er-Jahren war Belarus gar ein Zentrum des Antisemitismus in der Sowjetunion. Erst die Perestroika und der Zusammenbruch der Sowjetunion und der Sowjetrepubliken ermöglichten eine Wiederbelebung der jüdischen Kultur. Jüdische Gemeinschaften und Schulen, regionale und nationale Organisationen wurden ins Leben gerufen.

Quellen und weiterführende Informationen:

 

European Jewish Congress, https://eurojewcong.org/communities/belarus/

The Yivo Encyclopedia of Jews in Eastern Europe, http://www.yivoencyclopedia.org/article.aspx/Belarus

Projekt «Voices of the Jewish Settlements», http://shtetle.com/index_eng.html

Rüthers, Monica & Schwara, Desanka: Regionen im Porträt, in: Haumann, Heiko (Hrsg.): Luftmenschen und rebellische Töchter. Zum Wandel ostjüdischer Lebenswelten im 19. Jahrhundert, S. 11–70

 

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